Nutzen und Erfolgsfaktoren des Architekturmanagements – Uwe Tönsing (WAGO) im Interview

Uwe Tönsing (Head of IT Application Architecture) berichtet über das Potential und die wesentlichen Erfolgsfaktoren des Architekturmanagements bei der WAGO Kontakttechnik GmbH & Co. KG

WAGO beschäftigt sich jetzt seit einigen Jahren mit dem Thema Architekturmanagement. Was war der Anstoß, Zeit und Ressourcen dafür zu investieren?
WAGO – ein international tätiges Familienunternehmen in der dritten Generation – verzeichnet seit Jahren hohe Wachstumszahlen. Damit einhergehend stieg und steigt nach wie vor der Bedarf an IT-Unterstützung. Eine Vielzahl an Applikationen sowie diverse lokale Besonderheiten in den Geschäftsprozessen wurden implementiert.
Mit der Entscheidung, SAP als zentrales, weltweit agierendes ERP System zu implementieren, ergaben sich auch Änderungen an der IT-Strategie. Ziele wie beispielsweise die Zentralisierung von Systemen oder die Harmonisierung von Prozessen wurden identifiziert. Die teilweise mangelhafte Transparenz über die Applikationsarchitektur an sich und die Unsicherheit, welche Applikationen in Betrieb sowie potentielle neue Applikationen die geänderte Strategie unterstützen, führten zu der Entscheidung, Architekturmanagement bei WAGO zu etablieren.


Das heißt, die Zielsetzungen von Architekturmanagement waren initial die Schaffung von Transparenz sowie die Evaluierung der Applikationsarchitektur hinsichtlich der geänderten IT- Strategie – korrekt?
Ja. Ergänzend zur Transparenz war und ist auch noch die Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit der Dokumentation ein wesentlicher Bestandteil für uns. Es existierten natürlich auch schon davor Dokumentationen zur Applikationsarchitektur, jedoch waren diese sehr individuell. Alleine die sehr variierenden Detaillierungsgrade in den Dokumentationen und die verteilten Ablagen dieser machten es unmöglich, schnelle und eindeutige Aussagen zur Applikationsarchitektur zu treffen.

 

Bezugnehmend auf die zweite Zielsetzung: Wie schaffen Sie es, Ihre Applikationen objektiv gegen Ihre IT-Strategie zu evaluieren?
Das ist natürlich der deutlich schwierigere und auch spannendere Part. Wir haben, basierend auf Statements von Mitgliedern der IT-Leitung, Architekturprinzipien definiert, welche die Umsetzung der IT-Strategie bewerten und einheitlich auf alle Applikationen in Betrieb, Änderungen an diesen sowie potentiellen neuen Applikationen angewendet werden. Durch die Bewertung der Erfüllungsgrade pro Applikation und Architekturprinzip können wir jetzt für jede Applikation einen Architektur-Score errechnen, welcher uns Aufschluss darüber gibt, ob und zu welchem Grad die IT-Strategie unterstützt wird.

Darüber hinaus haben wir pro Applikation die Geschäftskritikalität bestimmt. Durch gemeinsame Betrachtung der beiden Parameter – Architektur-Score und Geschäftskritikalität – haben wir jetzt ein sehr klares Bild über die Schwachstellen und dringlichsten Handlungsbedarfe in unserer Applikationsarchitektur.


Was waren bzw. sind aus Ihrer Sicht die Erfolgsfaktoren des beschriebenen Ansatzes bei der Umsetzung bzw. im täglichen Betrieb?
Neben den allgemein gültigen Erfolgsfaktoren für Änderungen, wie beispielsweise Marketing, würde ich speziell für dieses Thema folgende Faktoren nennen: Starke Einbeziehung der IT-Leitung sowie der Geschäftsführung bei der Gestaltung und Abnahme der Architekturprinzipien bzw. bei der Bewertung der Geschäftskritikalität pro Applikation; eine einfache und nachvollziehbare Bewertungsmethode der Architekturprinzipien, welche in Abstimmung mit dem Applikationsverantwortlichen angewandt und periodisch validiert wird; die klare Einbettung der Architekturfunktion in bestehende Prozesse der IT wie bspw. Demand Management; die Implementierung von Governance-Prozessen und die Aufnahme dieser in die international anzuwendenden IT-Richtlinien; und natürlich ein klares Commitment der IT-Leitung und der Geschäftsführung.

 

Abschließend, welche Ergebnisse konnte WAGO durch die Einführung von Architekturmanagement bereits erzielen?
Grundsätzlich sind die Hauptergebnisse von Architekturmanagement oft nicht direkt und sofort sichtbar. Trotzdem konnten wir bspw. durch Realisierung des Architektur-Repository in ADOIT bereits das erste Ziel der Schaffung von Transparenz erfüllen. Mit Einführung der Governance-Prozesse und Verankerung dieser in den IT-Richtlinien, wird die IT viel früher in den Entscheidungsprozess zu neuen Anforderungen der Fachabteilungen involviert. Darüber hinaus gibt es durch das einheitliche Bewertungsverfahren erstmalig eine Vergleichbarkeit der Applikationen und somit auch eine klare Aussage zu Schwachstellen in der Architektur. Und zu guter Letzt sichern wir durch die konsequente Anwendung der Architekturprinzipien die Einhaltung der IT-Strategie und der IT-Ziele.

 

Vielen Dank für das Gespräch.